Mein Gänsehaut-Moment, jedes Mal, wenn ich davon erzähle
Bist du diesen Sommer schon auf einem Open-Air-Konzert gewesen? Ich finde, die Atmosphäre hat etwas ganz Besonderes. Das wirkt auf unsere Stimmung und meistens sind wir nach so einem Konzert beschwingt und voller Energie. Darum geht es heute: um die Musik und die Stimmung, die durch sie ausgelöst wird und um die Ansteckung von Emotionen.
Inhaltsverzeichnis
Der Sommerabend im Schlosshof
Ein lauer Sommerabend in einem Schlosshof mit einem erfrischenden Wind. Freudige und gespannte Erwartung auf das Konzert, das demnächst beginnt. Besucher schauen nach ihren Plätzen, holen sich noch was zum Trinken, es ist alles sehr relaxt. Jeder freut sich auf den Abend, den Musiker und die Band. Ich komme mit der Sitznachbarin ins Gespräch. Wie es der Zufall will, studierte ihre Tochter in Karlsruhe, meinem Wohnort.
Ein erste kleine Verbundenheit durch die Gemeinsamkeit. Aber da kommt noch mehr.
Als es langsam dunkler wurde, waren die Arkaden unterschiedlich farbig ausgeleuchtet. Das Konzert beginnt und es ist – durch die BigBand – wirklich ein Rundum-Gesamterlebnis. Genau das erinnert mich an ein ähnliches und doch ganz anderes Ereignis.
Der Vortrag, der mich so nachhaltig beeindruckt hat
Im Mai war ich bei einem Vortrag auf der LEARNTEC. Die Referentin war Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry und ihr Vortrag hatte den Titel: „And I think to myself. Impulse aus der Positiven Psychologie und den Neurowissenschaften“. Ein Vortrag, der mich nicht nur inhaltlich, sondern durch die Botschaft und den Schluß sehr beeindruckt hat. Denn am Ende bekam ich Gänsehaut.
Aber der Reihe nach. Worum ging es? Um Halt, Orientierung, Verbundenheit und Lebensfreude. Wo können wir selbst etwas bewirken? Und das ist oft viel mehr, als es auf den ersten Blick erscheint.
Unsere Erwartung beeinflusst das, was wir erleben. Gehe ich etwa mit Vorfreude auf ein Konzert oder mit Skepsis? Das wirkt sich direkt auf unser Erleben aus. Es ist immer wieder frappierend, wie sich Emotionen zwischen Menschen übertragen können. Bei einem Konzert, für das jeder Eintritt zahlt, ist es anderes als im täglichen Arbeitsalltag. Genau dazu brachte Brohm-Badry ein eindrückliches Beispiel aus ihrer Zeit als Lehrerin. Morgens, bevor der Unterricht losging, standen die Kollegen vor dem Vertretungsplan. Ein Kollege konnte mit seiner richtig schlechten Stimmung mit Blick auf diesen Plan tatsächlich das ganze Kollegium infizieren. Jeder ging mit dieser plötzlich miesen Laune in den Unterricht.
Warum schlechte Laune ansteckend ist
Kennst du das? Wenn du einen Raum betrittst, spürst du sofort, ob dort Anspannung, dicke Luft oder ob alles ganz normal ist. Bei einer angespannten Stimmung bist du eher vorsichtig und lässt dich vielleicht sogar anstecken. Beobachte doch mal im Alltag, wie schnell sich eine schlechte Stimmung oder Anspannung und Stress verbreiten können. Emotionen sind ansteckend, weil unsere Gehirn immer nach Verbundenheit sucht. Es ist eher in einer schlechten Laune verbunden als dass es sich ausgeschlossen fühlt.
Leider haben negative Emotionen viel mehr Gewicht als positive. Sie bleiben kleben. Nagen in Gedanken, treiben Schleifen und sind erstaunlich resistent. Es ist möglich – aber nicht so einfach – sich wieder daraus zu befreien. Was kann helfen?
Achte auf deine Gedanken!
Die Referentin brachte dazu viele Beispiele. Einige davon – du kennst sie so oder ähnlich bestimmt auch – sind diese hier:
- Das bringt doch eh nichts.
- Das geht sowieso schief.
- Das macht mich fertig.
- So einfach ist das bestimmt nicht.
- Da kann man nichts machen!
Das nimmt Energie, macht passiv und ganz schnell fühlt man sich hilflos oder sogar der Situation ausgeliefert.
Kein angenehmes Gefühl. Im Team kann sich so etwas schnell verbreiten und alle sind nur noch am Jammern.
Solche Gedankenschleifen sind durchaus hartnäckig und es fühlt sich an, als ob unser Gehirn nur noch diesen einen Gedankenweg kennt.
Selbstwirksamkeit bedeutet, dass wir trotzdem selbst wirksam werden können.
Und das ist der entscheidende Gedanke: genau diese Entscheidung zu treffen.
Will ich in dieser Schleife bleiben oder nicht? Fühlt es sich gut und hilfreich an? Oder gibt es noch andere Optionen?
Denn mit so einem negativen Gedankenwust sind wir schnell gestresst. Im Stress können wir nicht kreativ oder um die Ecke denken. Unser Immunsystem reagiert auf Stress. Unser Gehirn (und damit wir selbst) sucht nach noch mehr Situationen, wo etwas nicht so lief wie erwartet. Wo es nicht einfach war. Wo etwas schief ging.
Den Schalter umlegen!
Diesen Satz habe ich vor kurzem von einer Teilnehmerin gehört. ‚Ich möchte den Schalter einfach umlegen.‘ Das geht. Es braucht die Entscheidung und das Bewusstsein, dass unser Gehirn zwar Gedanken liefert, wir sie aber nicht immer alle annehmen müssen. Sondern sie verändern können.
Es setzt ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten voraus. Den Blick darauf lenken, was schon alles gelungen ist.
Helfen können Gedanken an genau solche Situationen, in denen etwas gut geklappt hat. Situationen, wo du dir vorher unsicher warst und es doch hinbekommen hast. Das bringt dein Gehirn und die damit verbundene Emotion wieder auf eine andere Spur.
Was wir leicht(er) ändern können, sind die Gedanken, die unser Gehirn produziert. Sieh die Gedanken doch mal als Vorschläge deines Gehirns, wie die eine Situation bewerten kannst. Du kannst die Gedanken annehmen oder sie bewusst verändern. Du wirst dich anders verhalten können.
Musiker und die Techniker neben und hinter der Bühne kennen das auf jeden Fall. Denn auch hier gibt es immer wieder Situationen, in denen etwas überhaupt nicht so läuft wie vorgestellt. Ein Musiker trifft den falschen Ton, ein Mikrofon fällt aus. Ein Gewitter naht – was nun? Abbrechen, pausieren oder etwas ganz anderes?
Ganz so einfach lässt sich ein Schalter zwar umlegen, aber die Emotion, der Ärger oder der Frust bleiben noch im Hintergrund. Helfen kann auf jeden Fall, den Blick immer wieder sanft auf das zu lenken, was gelingt. Das können Kleinigkeiten sein, Erinnerungen an schöne Momente. Etwa ein Konzert mit dem Song, bei dem alle mitgesungen haben. Oder alle im Takt mit dem Fuß wippen oder etwas ganz anderes.
Dabei macht es einen großen Unterschied, ob wir die Musik alleine hören oder in einer Konzertbesuchergemeinschaft sind. Unser Gehirn ist ein soziales Organ, es braucht diese Verbindungen zu anderen Menschen. Musik aktiviert unser Belohnungssystem, macht dadurch gute Laune und aktiviert sogar unsere Motivation. Durch Musik sind viele Bereiche unseres Gehirns aktiv. Wenn Menschen gemeinsam Musik hören können sich die Gehirne sogar synchronisieren,
Die Kraft der Musik können wir aktiv nutzen. In der Pause den Lieblingssong hören. Oder in Gedanken die Melodie summen.
Das ist das Gemeinschaftsgefühl, was mich auf Konzerten so fasziniert. Obwohl hier sicherlich ganz unterschiedliche Menschen zusammen sind.
Das war mein Gänsehaut-Moment
Das Besondere an dem Vortrag auf der LEARNTEC war schließlich der Abschluss. Michaela Brohm-Badry schaffte es, uns Teilnehmer zu motivieren, gemeinsam zu singen. Das ist auf Konzerten eher der Fall. Aber auf einem Business-Vortrag? Das hört sich doch schon etwas schräg an, oder?
Vor allem, was wir gesungen haben:
„And I think to myself, what a wonderful world“ von Louis Armstrong. Der Text wurde auf der Leinwand einblendet, die Melodie kennt jeder. 200 Teilnehmer sangen mit. Das verursachte Gänsehaut, weil es mich so sehr berührt hat. Überraschendes, gemeinsames Singen und der Inhalt: Eine wunderbare Welt – definitiv nicht überall, aber vieles ist machbar. Mehr als wir es oft für möglich halten.
Wenn ich später von diesem Erlebnis erzählt habe (und das habe ich häufiger getan), bekam ich immer wieder diese Gänsehaut. Auch jetzt, wenn ich darüber schreibe. Gemeinsames Singen geht noch tiefer als ’nur‘ Musik zu hören. Vor allem nach so einem Vortrag über Resilienz, das Gehirn, unsere Gedanken, über Hoffnung und Zuversicht.
Musik weckt nicht nur Emotionen, sie synchronisiert sie zwischen Menschen. Gemeinsames Hören lässt Gehirne sich angleichen, gemeinsames Singen geht noch tiefer.
Wer selbst im Chor singt, kennt das sicherlich.
Was ebenfalls nicht zu unterschätzen ist: Der Raum und die Atmosphäre um uns herum, entscheiden mit, wie leicht wir uns auf eine Stimmung einlassen oder hineingezogen werden.
Das Fazit
- Emotionen sind ansteckend – wer einen Raum betritt, spürt sofort, ob dort Anspannung oder Leichtigkeit herrscht
- Ebenso in der Kommunikation – bereits ein Lächeln macht den Unterschied
- Als Führungskraft gibst du die Stimmung eines Raums mit vor – das ist keine Nebensache!
- Atmosphäre ist mehr als ein Rahmen, sie ist Teil der Wahrnehmung – das gilt für Konzerte genauso wie für Meetings
- Wir wollen uns (positiv) verbunden fühlen – wie kann dieses Gefühl im Team immer wieder gestärkt werden?
- Einstellung und Stimmung wirken ebenso auf das Lernen – manchmal mehr als jede Lerntechnik
Jetzt bin ich neugierig: Wo hattest du zuletzt dieses Gänsehautgefühl – bei einem Konzert oder ganz woanders? Schreib es mir gern zurück, ich freue mich auf jede Antwort!
Und falls du gerade selbst an deiner Stimmung und den damit verbundenen Gedanken arbeiten möchtest: In meinem Artikel zu praktischen Wegen der Selbstregulation findest du kleine Übungen für den Alltag – eine davon hat sogar mit Musik zu tun. https://margit-reinhardt.de/praktische-wege-zur-selbstregulation/
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Margit Reinhardt
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